Britische Fahne weht vor Big Ben
Großbritannien: Neuer Premier mit vielen Herausforderungen

Großbritannien hat mit Andy Burnham einen neuen Premierminister. Auf ihn warten viele Herausforderungen. Mit welchen wirtschaftlichen Problemen das Vereinte Königreich zu kämpfen hat, analysiert Volkswirtin Bettina Hametner.

Ein gespaltenes Vereinigtes Königreich

Premierminister Andy Burnham übernimmt ein Land mit ungelösten Strukturproblemen. Hohe Lebenshaltungskosten, steigende Sozialausgaben, irreguläre Migration und schwindendes Vertrauen in die Regierung belasten das Vereinigte Königreich ebenso wie internationale Krisen. Zu den größten Herausforderungen zählt die seit dem Brexit schwächelnde Wirtschaft. Als erste wirtschaftspolitische Maßnahme kündigte Burnham die Abschaffung der Mehrwertsteuer auf Stromrechnungen für Privathaushalte ab 1. Oktober an. 

Daten, Fakten, Zahlen

Gesellschaftlich gespalten, wirtschaftlich geschwächt

Bis zum ersten Quartal 2026 befand sich die britische Wirtschaft in einer Aufschwungphase, die vor allem vom Dienstleistungssektor getragen wurde. Mit Beginn des Iran-Kriegs nahmen Inflation und Unsicherheit jedoch wieder zu und dämpften sowohl den privaten Konsum als auch die Investitionsbereitschaft. Beruhigt sich das internationale Umfeld und lässt der Inflationsdruck nach, dürfte sich das Wirtschaftswachstum wieder etwas beschleunigen.

Langfristig bremsen jedoch strukturelle Faktoren die Entwicklung: das schwache Wachstum der Arbeitsproduktivität, die rückläufige Zuwanderung und der dadurch kleinere Arbeitskräftepool sowie die hohe Importabhängigkeit bei bestimmten Rohstoffen und Energieträgern.

Öffentlicher Sektor
Die Schuldenquote ist hoch, ebenso das Budgetdefizit, sodass der finanzpolitische Kurs restriktiver werden muss. Für den Zeitraum 2025–2027 ist eine Konsolidierung von etwa 1,5 Prozent des potenziellen BIP prognostiziert. Eine Besserung zeigt sich vorerst nur in einem Rückgang der Defizitquote - nicht aber der Schuldenquote.

Höhepunkt der Teuerung für Sommer 2026 erwartet

Die Inflation bleibt hartnäckig hoch und ist infolge des Ölpreisschocks im Frühjahr 2026 erneut gestiegen. Der Höhepunkt der Teuerung wird im Sommer erwartet. Danach dürfte der Inflationsdruck zwar allmählich nachlassen, im Jahresdurchschnitt 2027 wird die Inflationsrate aber nach wie vor voraussichtlich über dem Zielwert von zwei Prozent liegen.

Mit der nachlassenden Teuerung dürfte die Geldpolitik schrittweise zu einem neutralen Zinsniveau von rund 3,5 Prozent zurückkehren. Das würde die Wachstumsbremse mildern, sie jedoch nicht vollständig beseitigen.

Heikler Arbeitsmarkt

Die schwache Konjunktur der vergangenen Jahre hat die Arbeitslosigkeit steigen lassen und das Lohnwachstum gebremst. Gleichzeitig fehlt es in einigen Branchen weiterhin an Arbeitskräften – eine Folge des Brexit.

Das langsamere Lohnwachstum in Verbindung mit der hohen Inflation belastet zudem die Konsumstimmung. Insgesamt ist die Unzufriedenheit am britischen Arbeitsmarkt groß: Immer wieder kommt es zu Streiks, viele Menschen arbeiten in prekären Beschäftigungsverhältnissen mit niedriger Bezahlung und hoher Arbeitsbelastung.

Großbritanniens Stärken        

Problempunkte in Großbritannien

  • hohe Forschung&Entwicklung (F&E)-Tätigkeit
  • Auswirkungen Brexit (FDIs, Arbeitsmarkt ...)
  • lebhafte Start-Up-Szene
  • hohe private und öffentliche Verschuldung
  • bestens entwickelter Kapitalmarkt
  • hohe Lebenshaltungskosten
  •  London als globales Finanzdrehkreuz                                    
  •  relativ große Ungleichverteilung der Vermögen und Einkommen
  • wenig regulierte Märkte
  •  politische und soziale Spannungen / Abspaltungsbestrebungen
  • hohe Geburtenrate
  •  Stadt-Land-Gefälle
  • Weltsprache Englisch
  • Anfälligkeit für Finanzkrisen
  • flexibler Arbeitsmarkt
 
  • exzellente Universitäten, die Innovation vor allem auch im Tech- und KI-Bereich befeuern 
 

Erstellerin: Mag. Bettina Hametner, Raiffeisenlandesbank Oberösterreich AG
Redationsschluss: Juli 2026

Quellen:

OECD (Juni 2026), EU-Kommission (Mai 2026), Bloomberg (Juli 2026), boerse-live.at (Juli 2026), Bank of England (Juli 2026), OeNB (Juli 2026)