Frau trinkt aus Kaffeetasse
Was ist Wohlstand?

Wenn es um wirtschaftliche Stärke geht, landet ein Begriff fast reflexartig auf dem Tisch: das Bruttoinlandsprodukt. Doch wie viel sagt dieses Maß eigentlich noch über unseren echten Wohlstand aus? Eine spannende Diskussion zweier Ökonominnen.

Zwischen Zahlen und Zufriedenheit

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) berechnet den Wert aller Waren und Dienstleistungen, die innerhalb einer Volkswirtschaft in einer bestimmten Periode (Quartal oder Jahr) produziert und auf offiziellen Märkten gegen Entgelt getauscht werden. Es gilt als Maßstab für den Wohlstand eines Landes. Aber: In den letzten vier Jahrzehnten hat sich zum Beispiel die globale Wirtschaftsleistung verdreifacht, aber die reichsten ein Prozent beanspruchen über die Hälfte der Wachstumsgewinne. Zudem berücksicht das BIP weder gesellschaftliche noch ökologische Kosten oder Pflegarbeit. Folgen Sie mit uns einer spannenden Diskussion.

Im Gespräch

Bettina Hametner Gedankenspiel
Vera Mair Porträt

Bettina Hametner

seit 2007 leitende Wirtschaftsanalystin bei Raiffeisen Oberösterreich

Vera Mair

Masterstudentin der sozial-ökologischen Ökonomie an der WU Wien.

Die Volkswirtschaftslehre kennt unterschiedlichste Meinungen.

Manchmal widersprechen sich die Theorien so stark, dass selbst zwei Nobelpreisträger völlig entgegengesetzte Schlussfolgerungen ziehen können – wie Joseph Stiglitz 2001 ironisch gemeint hat. Trotzdem herrscht seit Jahrzehnten ein Konsens: Wirtschaft soll wachsen, weil dies den Lebensstandard verbessert. Wie siehst du das?

Antwort Vera Mair:

Die Vorstellung, dass dauerhaftes Wirtschaftswachstum möglich ist und automatisch allen zugutekommt, ist eigentlich ziemlich neu. In der frühen Volkswirtschaftslehre und in der Politik vor dem Zweiten Weltkrieg spielte Wachstum kaum eine Rolle. Erst in der Nachkriegszeit, mit der internationalen Standardisierung und Diskussion des Bruttoinlandsprodukts (BIP), wurde Wachstum zur universellen politischen Leitnorm. Heute wird jedoch zunehmend bezweifelt, ob stetiges Wirtschaftswachstum angesichts planetarer Grenzen überhaupt möglich ist – und ob es wirklich für alle den Lebensstandard verbessert. 

Bettina Hametner will wissen:

Du hast das BIP und seine globale Verwendung angesprochen. Kann es wirklich alles abbilden, was eine gute wirtschaftspolitische Kennzahl zeigen sollte?

Vera Mair:

Das BIP ist ein reines Maß der Wertschöpfung – es zeigt aber weder sozialen Fortschritt noch langfristigen Wohlstand an. Aktivitäten wie Regenwaldabholzung oder die Förderung fossiler Brennstoffe treiben das BIP kurzfristig nach oben, obwohl sie langfristig gesellschaftlich und ökologisch schaden. Unbezahlte Sorgearbeit – Kinderbetreuung, Pflege, Hausarbeit – wird dagegen gar nicht erfasst, obwohl sie das Fundament einer funktionierenden Gesellschaft bildet.
 

Außerdem sagt das BIP nichts über die Verteilung von Wohlstand – also Einkommen und Vermögen – aus. In den letzten vier Jahrzehnten hat sich zum Beispiel die globale Wirtschaftsleistung verdreifacht, aber die reichsten ein Prozent beanspruchen über die Hälfte der Wachstumsgewinne. Das Versprechen „Wird der Kuchen größer, bekommen alle mehr“ wird also nicht erfüllt. Das BIP verschleiert diese Dynamik und berücksichtigt weder gesellschaftliche noch ökologische Kosten. Ein wachsendes BIP heißt deshalb nicht automatisch mehr gerechter Wohlstand oder höhere Lebensqualität – auch wenn das in politischen Debatten oft angenommen wird.

Bettina Hametner: Welche Kennzahlen sind neu?

Die Diskussionen dazu sind sehr präsent. Gibt es schon eine neue Kennzahl, die soziale und wirtschaftliche Ziele besser abbildet – oder zumindest erste Ansätze dafür? 

Vera Mair:

Es gibt inzwischen einige Ansätze, die das BIP erweitern oder ersetzen wollen.

Häufig diskutiert ist Comprehensive Wealth, also ganzheitliches Vermögen. Dieses geht über ökonomisches Kapital hinaus und berücksichtigt auch Natur-, Human- und Sozialkapital, das eine Gesellschaft für zukünftige Generationen hat. Zu kritisieren ist allerdings, dass trotz des breiten Anspruchs die Bewertung in Geldgrößen übersetzt wird und soziale Ungleichheit kaum vorkommt.
 

Einen anderen Schwerpunkt setzt die Better Life Initiative der OECD. Sie misst Wohlbefinden in elf Lebensbereichen – von Einkommen über Bildung bis hin zu Umwelt und Lebenszufriedenheit. Anders als beim BIP gibt es hier nicht „die eine Zahl“: Die Bereiche stehen nebeneinander und können individuell gewichtet werden. Spillover-Effekte, also Auswirkungen für die Menschen oder Ökosysteme in anderen Ländern, werden allerdings nicht berücksichtigt.
 

Der Happy Planet Index der New Economics Foundation bewertet, wie effizient Länder nachhaltiges Wohlbefinden erzeugen, gemessen durch Lebenszufriedenheit und Lebenserwartung im Verhältnis zum CO₂-Fußabdruck. Der Index zeigt, dass hoher materieller Wohlstand nicht automatisch zu besserem Wohlbefinden führt und oft mit einem großen ökologischen nationalen Fußabdruck einhergeht.
 

Der Thriving Places Index (TPI) konzentriert sich auf die lokale Ebene und misst, wie sehr Gemeinden Bedingungen für ein gutes Leben schaffen – unabhängig vom Wirtschaftswachstum. Er betrachtet Gleichheit, lokale Verhältnisse und Nachhaltigkeit und hilft Städten, Politik stärker am Wohlbefinden auszurichten. Der TPI wird bisher in England und Wales eingesetzt.

Bettina Hametner: Spannend und wichtig, ...

...über Wohlstand breiter nachzudenken. Wo siehst du das größte Potenzial solcher Ansätze?

Vera Mair:

Ein breiterer Ansatz zeigt idealerweise, wo gesellschaftliches Wohlergehen tatsächlich wächst oder schrumpft – und wo ökologische oder soziale Schäden entstehen. Nur so lässt sich realistisch einschätzen, wie wir aktuelles und zukünftiges Wohlergehen sichern und darauf aufbauend die richtigen Maßnahmen treffen können.

Bettina Hametner: Braucht es für diese richtigen Maßnahmen...

...den Staat oder kann man sich auf die „unsichtbare Hand des Marktes“ als Regisseur verlassen?

Vera Mair:

Ohne stärkere staatliche Steuerung und gezielte Finanzierung werden langfristige Aufgaben wie stabile Daseinsvorsorge, gerechte Vermögensverteilung und wirksamer Klimaschutz kaum angepackt. Der Staat muss die Rahmenbedingungen setzen, die den Unternehmen Planungssicherheit geben. Gleichzeitig brauchen wir auch eine aktive Zivilgesellschaft, die sich stark macht, wenn Regierungen dieser Verantwortung nicht entsprechend nachkommen. 

27.01.2026 - Volkswirtschaft